Kendo ist oft arschhart. Das Kämpfen oft anstrengend und kräftezehrend. Mit jedem jigeiko fließt etwas Energie aus dem Körper hinaus, bis das erlösende „YAMEEE“ ertönt und man sich erschöpft ins Bett zurück fallen lassen kann, um wieder Energie zu tanken.

Selten, aber doch, habe ich Momente erlebt, die ganz anders waren. In denen Kendo nicht anstrengend, sondern mühelos war. Zum Beispiel bei einem jigeiko vor einigen Jahren. Mein Gegenüber hatte das selbe Level wie ich. Wir hatten schon oft miteinander gekämpft, und eigentlich war nichts anders, als sonst. Aus dem Nichts heraus fühlte ich mich jedoch plötzlich wie ein Perpetuum Mobile. Meine Angriffe kosteten mich keine Energie. Jeder Angriff, den ich setzte, gab mir wieder Energie zurück. Gefühlt hätte ich ewig weiterkämpfen können. Leider wurde irgendwann weiter rotiert, und mein Perpetuum Mobile-Ich verschwand wieder.

Das Gefühl damals war einfach nur phänomenal. Durch einen Kampfpartner, der mir das optimale Herausforderungslevel bot, war ich unverhofft in den „Flow“-Zustand geraten. Jahrelang kam nichts auch nur annähernd an diese Gefühlslage heran. Bis zu meiner yondan-Prüfung.


Die Prüfung

Meine Prüfung hatte ich am 1. Juni 2015 in Tokio, am Tag nach der Weltmeisterschaft. Es war mein erster Versuch, und ich bestand. Die Halle war schlicht und klein, mit zwei Prüfungskommissionen. Auf der linken Seite kämpfen die Kandidaten für den 6. und 7. Dan, auf der rechten für den 4. und 5. Dan. Das Arrangement war recht informell. Die Prüflingen standen am Rand weitläufig in Grüppchen verstreut herum, statt zu sitzen, und ohne sonderlich großes Aufheben oder große Einweisungen startete auf unserer Seite die erste Gruppe der yondan-Kandidaten. Für mich etwas befremdlich – auf japanischem Boden hatte ich mehr Zucht und Ordnung erwartet - aber begrüßenswert. So musste ich zumindest nicht befürchten, dass meine Füße zu kleinen Ameisenhaufen mutierten. Eine Sorge weniger.

Ich war etwas nervös. Das war neu für mich. Ich kenne Wettkampfnervosität (meine Teamkollegen fluchen regelmäßig darüber, wenn ich am Wettkampftag um 5 Uhr morgens aufstehe und mit meiner Nervosität spazieren gehe), aber bei Prüfungen war ich bisher nur einmal nervös gewesen – beim 6. kyu. Ich tröstete mich mit dem Gedanken: „Der yondan ist die niedrigste Graduierung, die hier geprüft wird. Das ist quasi, wie wenn du beim IBU-Besuch zum shodan antrittst.“ Der Vergleich mag zwar einer logischen Prüfung nicht stand halten, aber im Endeffekt sind alle Mittel recht, um sich einen psychologischen Vorteil zu verschaffen. 

Von der Paarung vor mir bekam ich nicht viel mit. Ich habe nicht hingesehen. Das letzte, was ich in dem Moment brauche, ist zu sehen, wie die Gruppe vor mir atemberaubende Kämpfe abliefert und ich „nachliefern“ soll. Ich habe alle Informationen ausgeblendet, die mich in dem Moment nicht gestärkt haben.

Dann kam ich dran. Als erste meiner Gruppe. Und es lief, wie es nur laufen kann. Mein kiai erfüllte die Halle, ich machte Druck nach vorne und die ersten vier Techniken in beiden Kämpfen gingen auf wie noch nie – debana kote, ai men, kaeshi do und – just for the fun of it – kote men. Obwohl ich letzteres nie geübt hatte, es absolut nicht meine Technik ist und mir erst drei Wochen zuvor empfohlen wurde, es öfter mal im Kampf zu probieren. Aber, herrje, es lief, und wenn es läuft, dann machst du das, was dein Körper tun will.

Vier geile Angriffe. Und dann kam mein Motivationsloch: Womit soll ich jetzt die restlichen 60 Sekunden füllen? Besser wird’s nimmer. Einfach das selbe zu wiederholen kam mir etwas langweilig vor, aber exotisch wollte ich dann auch nicht werden.

Im Nachhinein wurde mir von außen bestätigt, dass nach diesen vier Angriffen mein seme deutlich schwächer wurde – für mich völlig nachvollziehbar. Zum Bestehen reichte es aber offenbar.


Die Vorbereitung

Diese 2x90 Sekunden waren für mich eine ganz wertvolle Erfahrung. Normalerweise lerne ich mehr von Kämpfen, die ich verliere, oder Prüfungen, bei denen ich durchfalle. In diesem Fall habe ich „trotz“ des Bestehens immens viel gelernt. Nämlich, wie leicht Kendo sein kann, wenn man sich von gewissen Gedanken befreit. Wenn Kendo immer so leicht wäre, wäre es wahrscheinlich langweilig. Aber nach acht Jahren einmal zu spüren, wie leicht und mühelos Kendo sein kann, war ein Augenöffner.

Im Endeffekt war die Prüfung natürlich – in ihrer Gesamheit – nicht leicht und mühelos. In diesen 180 Sekunden der Leichtigkeit steckten Stunden um Stunden an Training, jahrelanges Kendo und ständige Aufmerksamkeitsfokussierung. Mit der Vorbereitung auf die Prüfung hatte ich „so richtig“ 1,5 Jahre davor begonnen. Ab da habe ich in meinem Kopf etwas umgestellt. Normalerweise erlaube ich es mir, beim Training auch mal abzuschalten – mich beim jigeiko einfach fallen zu lassen, mich von der Energie treiben zu lassen und einfach Spaß zu haben. 

Ab dem Moment, wo es für mich „ernst“ wurde, ließ ich das nicht mehr zu – den Spaß schon, das Unfokussierte nicht. 

Immer wenn ich im Vereinstraining mit jemandem kämpfte, der ungefähr mein Level hatte, stellte ich mir vor, es wäre die Prüfung. Im Geiste saß rechts von mir die Prüfungskommission und jeden meiner Angriffe kontrollierte ich auf „Prüfungstauglichkeit“. Off-Zeiten gab es bei Kämpfen mit kyu-Trägern, bei denen ich stattdessen oji waza trainierte; aber jeder Kampf mit einem ebenbürtigen Gegenüber war ein Prüfungskampf. Ich glaube, das hat die Anzahl meiner wahllosen Angriffe verringert. 

Noch heute, Monate nach der Prüfung, merke ich, wie stark sich das in mir festgesetzt hat. Wenn ich mit gleichwertigen Gegnern kämpfe, sitzt noch immer die Prüfungskommission rechts neben mir. Offenbar gefällt's ihr dort. Ich lasse sie auch gern dort sitzen – weil ich merke, dass meine Kämpfe dadurch besser werden: Ich mache mehr seme.


Ein zweiter Aspekt, der mir massiv für die Prüfung geholfen hat: Über diesen Zeitraum hinweg habe ich immer wieder mit verschiedenen sensei an meinem Timing und meiner Geduld gearbeitet. Die sensei hatten sich zwar nicht miteinander abgestimmt, wollten aber im Grunde alle das selbe von mir: nicht nur angreifen, sondern länger geduldig sein, die sakigawa länger unten lassen und erst im allerletzten Moment meine Aktion setzen. 

Geduld ist nicht so das Meine, und es ist nach wie vor mein Steckenpferd, dass ich zu schnell meine „Jetzt reichts. Ich greife an!“. Meistens blockt mein Gegenüber dann den Angriff ab. Aber die sensei haben mich in dieser Zeit zumindest so weit gebracht, dass ich mehr kann als einfach energiegeladen reinzugehen und blind dahin zu schlagen, wo mich gerade der Hafer sticht. Ich habe ein bisschen Gespür für die andere Art von seme bekommen – bei der man weicher ist, das Gegenüber einlädt und in dem Moment, wo er sich entschieden hat und nichts mehr rückgängig machen kann, meine Aktion zu setzen. 

Und darauf haben im Grunde alle meine vier Prüfungsangriffe beruht – ich habe auf meine Gegner völlig ergebnisoffen Druck gemacht, ohne ein Konzept zu haben, was ich machen will; dabei erspürt, was er denn gerne machen würde und ihn machen lassen. Mein Körper hat die Freikarte bekommen, ebenfalls zu tun, wonach ihm beliebt (Glücklicherweise hat er in dem Moment kooperiert). So eine Freikarte lässt sich leicht geben. Nach so vielen Trainingsstunden weiß der Körper ja eh, was er tun muss und wie die Techniken gehen. Aus Angst, getroffen zu werden oder Zweifel, dass mein Gegenüber doch nicht macht, was ich erwarte, blockiere ich aber meinem Körper und versage ihm mein Vertrauen in ihn.


Bei der Prüfung war mir beides zum ersten Mal wirklich, wirklich egal – das Getroffen-Werden und die Möglichkeit, dass mein Gegenüber was anderes als erwartet macht. Wenn's daneben geht, geht’s daneben, dachte ich mir. Das hat mich die 2. Dan-Prüfung gelehrt: Ich bin in die Prüfung hineingegangen, mit einer fixen Idee, was die Prüfer sehen wollen. Das hat mich blockiert und ich bin durchgefallen. Seitdem denk ich mir: Scheiß drauf. Ich ziehe einfach mein Kendo durch. Wenn es passt, passt es, und wenn nicht, dann nicht.


Zumindest für den 4. Dan hat's gepasst. Und hat mir das Flow-Erlebnis beschert, das ich alle paar Jahre im Kendo habe. Und dieses Erlebnis ist - ganz ehrlich - ein Gefühl, für das es sich lohnt, ein paar Jahre zu trainieren.


Manuela Hoflehner

August 2015