Wegen seiner Wirkung galt das Schwert im traditionellen Japan als die Königin der Waffen. Um seine Beherrschung zu sichern, wurde seit dem Mittelalter ein strenger Ehrenkodex, der "bushido" (bushi = Kriger, do = Weg) entwickelt. In ihm wird - beeinflusst durch den Zen-Buddhismus - die Fähigkeit zur Konzentration und das Erreichen eines Zustands der inneren Ruhe als Voraussetzung für das Gewinnen eines Zweikamfs beschrieben: Der Weg des Kriegers besteht in seinem Kern aus der philosophischen Vertiefung des Zusammenhangs zwischen der existentiellen Situation des Kampfes: Ethik und Religion.

Bereits die samurai, denen die Verwendung des Schwertes vorbehalten war, hatten also nicht nur den Körper, sondern vor allem den Geist zu trainieren. Die alten Texte des bushido rücken die geistige Bildung und die Reflexion über das Wesen des Selbst sogar alleine in den Mittelpunkt. Unter der Frage Wer bin ich? verlangen sie von einem Meister des Schwertes Aufrichtigkeit gegenüber seinen Gegnern, Weisheit im Denken und Handeln, Mut zu raschen Entscheidungen, Loyalität gegenüber seinem Herrn und vor allem die Bereitschaft und Geduld, diesen Werten nachzukommen. Auf dem Weg des Kriegers kann es somit nicht darum gehen, eine Technik (waza) zu erlernen, und noch viel weniger um eine isolierte Vorbereitung des eigentlichen Kampfes: Das kanji-Schriftzeichen bu bedeutet den Kampf anzuhalten und ihn zu beenden. Im bushido steht nicht physische Geschicklichkeit, sondern Friede und Meisterschaft über sich selbst im Vordergrund.

Um in Übereinstimmung mit dem bushido auf alle Situationen vorbereitet zu sein, entstanden seit dem 15. Jahrhundert verschiedene Fechtschulen, an denen die eigentliche Schwertkunst in ihren ursprünglichen Formen des kenjutsu (ken = Schwert, jutsu = Technik, Kunst) entwickelt und gelehrt wurden. Dabei wurde mit echten Waffen oder Holzschwertern geübt, so dass sich während des rauen Trainings viele der Übenden ernsthaft verletzten. Erst im 18. Jahrhundert wurden die Schwerter oder ihre schweren Holznachbildungen durch das leichtere shinai, ein Übungsschwert aus Bambus-Lamellen, und eine darauf abgestimmte Schutzausrüstung (bogu bestehend aus men: Kopfschutz, kote: Hand- und Unterarmschutz, do: Oberkörperschutz, tare: Unterleibschutz) abgelöst. Diese Neuerungen erlaubten den Fechtenden, volle Schläge auszuführen, ohne ihre Übungspartner zu verletzen.

Die neue Art, sich in der Schwertkunst zu üben, wurde kendo (ken = Schwert, do = Weg) genannt. Zusammen mit den neuen Trainingsmitteln unterstreicht die neue Bezeichnung der alten Schwertkunst als "Weg des Schwertes", dass es beim kendo nicht darum geht, wie man mit dem Schwert tötet, sondern darum, sich die Charakterfestigkeit, Entschlossenheit und moralische Stärke anzueignen, so dass man nukami ni sumu, d.h. die Benützung des Schwertes erreichen kann, ohne es aus der Scheide zu ziehen.

Im Übergang vom traditionellen zum modernen Japan wurde denn auch im Kendo von seiner ursprünglichen Bedeutung als mentale und körperliche Vorbereitung auf einen auf Leben und Tod geführten Zweikampf Abstand genommen.

Der Weg des Schwertes entwickelte sich während den letzten Jahrzehnten zu einem Kampfsport, der auch in Europa und den USA rasch auf Interesse stieß: kendo wirkt durch seine Mischung von Konzentration und Dynamik äusserst spektakulär und erhält durch das Tragen der traditionellen Rüstungen einen Hauch fernöstlicher Exotik.

Auch in seiner auf den sportlichen Wettkampf ausgerichteten Form darf das Ringen um den Sieg jedoch nicht zu Hauptsache werden. Um den historischen Wurzeln des Kendo in der Kultur der samurai und den ursprünglichen Formen der Schwertkunst gerecht zu werden, ist es ebenso wichtig, sich mit den Anliegen des bushido auseinanderzusetzen. Denn wie bereits zu den Zeiten der samurai entfalten sich erst dort diejenigen Eigenschaften des kendo, die über eine rein physische Betätigung hinausweisen.